Ginkgo biloba wird oft als die Pflanze für Gedächtnis und Durchblutung beworben. Die Realität, die sich aus jahrzehntelanger Forschung ergibt, ist jedoch deutlich enger gefasst und weitaus komplexer. Die wissenschaftliche Diskussion dreht sich fast ausschließlich um hochkonzentrierte, standardisierte Blattextrakte. Diese werden nach einem genau festgelegten pharmazeutischen Verfahren hergestellt und sind nicht vergleichbar mit einem einfach gepflückten Blatt, einem beliebigen Blattpulver oder einer Kapsel aus unsicherer Quelle im Internet.
Zur Vorbeugung einer Demenz bei älteren Menschen zeigen die aussagekräftigsten Studien, wie die groß angelegte GEM-Studie, keinen nachweisbaren Nutzen. Die Hoffnung, durch die Einnahme von Ginkgo dem kognitiven Abbau im Alter vorbeugen zu können, hat sich wissenschaftlich nicht bestätigt. Anders, aber differenziert, ist die Lage bei bereits bestehender leichter bis mittelschwerer Demenz. Hier konnte ein spezifischer standardisierter Extrakt (EGb 761) in einigen Studien die Werte für Denkleistung oder Alltagsfähigkeiten bescheiden verbessern. Das Ausmaß und der praktische Nutzen dieses Effekts bleiben jedoch Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte und rechtfertigen keinesfalls, ärztlich verordnete Therapien abzusetzen.
> [!key] Das Wichtigste
> Ginkgo biloba behandelt keine Alzheimer-Krankheit und ist kein Mittel zur Vorbeugung von Demenz. Es ersetzt weder eine sorgfältige ärztliche Diagnose noch eine etablierte Behandlung. Das wichtigste Sicherheitsthema ist das erhöhte Blutungsrisiko, insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme von Gerinnungshemmern (wie Marcumar, Eliquis, Xarelto) oder Thrombozytenaggregationshemmern (wie Aspirin oder Clopidogrel). Die Wahl des Produkts ist entscheidend: Standardisierte Extrakte aus der Apotheke sind nicht mit einfachen Pulvern oder Tees austauschbar.
## Um welche Zubereitung geht es?
Wenn die Forschung von Ginkgo spricht, ist fast immer ein spezifischer Trockenextrakt aus den Blättern des Ginkgo-Baums gemeint. Die genaue Zusammensetzung und damit die Wirkung hängen entscheidend vom Herstellungsprozess ab: welcher Pflanzenteil wird verwendet, welches Lösungsmittel (typischerweise ein Aceton-Wasser-Gemisch) kommt zum Einsatz, wie wird der Extrakt aufgereinigt und auf welche Inhaltsstoffe wird er standardisiert?
Der am besten untersuchte Extrakt, bekannt unter der Bezeichnung EGb 761, ist auf einen Gehalt von 22–27 % Flavonoidglykoside und 5–7 % Terpenlactone (Ginkgolide, Bilobalid) eingestellt. Ein ebenso wichtiger Qualitätsschritt ist die Abreicherung potenziell schädlicher Substanzen, insbesondere der Ginkgolsäuren. Diese können allergische Reaktionen auslösen und sind in höheren Konzentrationen zellschädigend. Für pharmazeutische Qualitäten gilt ein strenger Grenzwert von unter 5 ppm (parts per million). Ein einfaches Blattpulver, ein Tee oder ein nicht standardisiertes Nahrungsergänzungsmittel durchlaufen diesen aufwendigen Prozess nicht. Sie enthalten eine unbekannte und stark schwankende Menge an Wirk- und Schadstoffen und sind daher nicht mit den in Studien verwendeten Extrakten vergleichbar.
Samen und unverarbeitete Pflanzenteile sind eine gänzlich andere Kategorie. Das NCCIH (National Center for Complementary and Integrative Health, eine US-Behörde) warnt ausdrücklich davor, dass rohe oder geröstete Ginkgosamen giftig sind. Sie enthalten Ginkgotoxin (4'-O-Methylpyridoxin), eine Substanz, die die Wirkung von
Vitamin B6 blockieren und dadurch schwere neurologische Nebenwirkungen bis hin zu Krampfanfällen und Tod verursachen kann.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat für bestimmte, klar definierte Blattzubereitungen (wie den erwähnten Extrakt EGb 761) den Status als pflanzliches Arzneimittel anerkannt, entweder zur symptomatischen Behandlung von hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen bei Demenzsyndromen oder zur Verbesserung der schmerzfreien Gehstrecke bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK, „Schaufensterkrankheit“). Dies bedeutet jedoch nicht, dass alle auf dem Markt befindlichen Ginkgo-Produkte gleich streng kontrolliert werden. Nahrungsergänzungsmittel unterliegen weitaus weniger strengen Vorschriften als Arzneimittel. Für Verbraucher zählt auf dem Etikett daher nicht das Wort „Ginkgo“, sondern die präzisen Angaben: botanischer Name (*Ginkgo biloba* L.), verwendeter Pflanzenteil (Blatt, *folium*), Art der Zubereitung (z.B. „standardisierter Trockenextrakt“), Extraktmenge pro Dosis und die standardisierten Inhaltsstoffe (z.B. „enthält X mg Flavonoidglykoside und Y mg Terpenlactone“). Ohne diese Angaben ist ein Produkt kaum seriös zu bewerten.
## Gedächtnis: Vorbeugung, normales Altern und Demenz
Die Frage „Verbessert Ginkgo das Gedächtnis?“ ist zu undifferenziert und vermischt sehr unterschiedliche Situationen. Ein gesunder Student in der Prüfungsphase, der seine Konzentration steigern möchte, ist nicht vergleichbar mit einer Person mit leichten altersbedingten Gedächtnislücken, und diese wiederum nicht mit jemandem, bei dem eine Demenz wie Alzheimer diagnostiziert wurde. Die wissenschaftliche Evidenz muss für jede dieser Gruppen getrennt betrachtet werden.
**Demenz vorbeugen: ein klares negatives Ergebnis.** Die bislang größte und wichtigste Studie zu dieser Frage ist die „Ginkgo Evaluation of Memory (GEM) Study“. Darin nahmen 3.069 Erwachsene im Alter von 75 Jahren und älter teil, die zu Beginn entweder eine normale kognitive Funktion oder eine leichte kognitive Beeinträchtigung (Mild Cognitive Impairment, MCI) aufwiesen. Über einen Zeitraum von median 6,1 Jahren erhielten sie entweder zweimal täglich 120 mg des standardisierten Extrakts EGb 761 oder ein Placebo. Das Ergebnis war eindeutig: Ginkgo verringerte weder die Gesamthäufigkeit von Demenzerkrankungen noch speziell die Häufigkeit von Alzheimer im Vergleich zu Placebo. Diese Studie liefert starke Belege dafür, dass Ginkgo nicht zur Prävention von Demenz bei älteren Erwachsenen geeignet ist.
**Bestehende Demenz: ein differenzierteres Bild.** Für Menschen, die bereits an einer leichten bis mittelschweren Demenz (z.B. Alzheimer oder vaskuläre Demenz) leiden, ist die Situation komplexer. Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2023 (eine Aktualisierung älterer Reviews), der eine Vielzahl von Studien zusammenfasste, fand für eine Dosis von 240 mg Ginkgo-Extrakt pro Tag über einen Zeitraum von etwa sechs Monaten Hinweise auf einen bescheidenen Nutzen. In 13 Studien mit insgesamt 3.288 Teilnehmenden mit Demenz zeigten sich kleine Verbesserungen auf Skalen, die die Denkleistung (Kognition) und die Fähigkeit zur Bewältigung von Alltagsaktivitäten messen. Die Autoren des Reviews betonen jedoch, dass die Größe dieses Effekts gering ist und die klinische Relevanz – also der spürbare Unterschied im Alltag – fraglich bleibt. Wichtig ist auch: Diese Ergebnisse gelten nur für den standardisierten Extrakt in der untersuchten Dosierung und sind nicht auf andere Ginkgo-Produkte übertragbar.
Eine Metaanalyse von 2024, die sich gezielt auf 4 Studien mit 782 Menschen mit leichter Demenz und dem Extrakt EGb 761 (240 mg/Tag) konzentrierte, kam ebenfalls zu einem positiven Fazit bezüglich Kognition, Alltagsfunktion und klinischem Gesamteindruck. Dennoch bleibt die Wirkung moderat und Ginkgo ist keine Heilung für Demenz. Es kann allenfalls in manchen Fällen den Verlauf der Symptome leicht verlangsamen oder stabilisieren. Bevor man auf solche Mittel zurückgreift, ist eine umfassende Diagnostik essenziell, um andere Ursachen für kognitive Probleme wie eine
Vitamin-B12-Mangel, Depression oder Schilddrüsenprobleme auszuschließen.
> [!evidence-conflicting] Evidenzlage: widersprüchliche und spezifische Ergebnisse
> Bei Demenzbeschwerden unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Extrakt, Dosis und Patientengruppe. Einige hochwertige Studien mit standardisierten Extrakten zeigen einen bescheidenen statistischen Nutzen, während andere keine klinisch bedeutsame Verbesserung finden. Nichts in der aktuellen Forschung stützt die Behauptung, dass Ginkgo einer Demenz vorbeugen kann, und nichts rechtfertigt, eine ärztlich verordnete Behandlung durch ein Ginkgo-Präparat zu ersetzen.
**Gedächtnis bei gesunden Erwachsenen.** Für gesunde Menschen unter 60 Jahren, die ihre geistige Leistungsfähigkeit steigern wollen, ist die Datenlage schwach, inkonsistent und von meist geringer Qualität. Viele Studien sind klein, kurz und verwenden eine Vielzahl unterschiedlicher Gedächtnistests, was einen Vergleich erschwert. Einige zeigen kleine, kurzfristige Verbesserungen in Teilbereichen wie dem Arbeitsgedächtnis, andere finden gar keinen Effekt. Es gibt keine überzeugenden Belege für einen nachhaltigen „Gehirn-Booster“-Effekt. Andere Faktoren wie ausreichend Schlaf, Stressmanagement, regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung haben einen weitaus größeren und besser belegten Einfluss auf die kognitive Fitness. Wer nach pflanzlicher Unterstützung sucht, könnte auch auf Pflanzen wie
Ginseng oder
Rosmarin stoßen, für die ebenfalls traditionelle Anwendungsbereiche in diesem Feld beschrieben werden, die aber ebenso kritisch zu bewerten sind.
## „Durchblutung“: was sich sagen lässt und was nicht
Der Begriff „Durchblutung fördern“ ist ein Marketing-Schlagwort, das wissenschaftlich wenig greifbar ist. Er kann alles Mögliche bedeuten: die Mikrozirkulation im Gehirn, die Blutzufuhr zu den Beinen, die Linderung von Schwindel oder einfach nur wärmere Hände und Füße. Die postulierten Mechanismen von Ginkgo – eine Erweiterung kleiner Blutgefäße, eine Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes und antioxidative Effekte – sind im Labor plausibel. Ein plausibler Mechanismus beweist jedoch noch lange keinen Nutzen für Patienten in der Praxis.
- **Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK):** Bei dieser als „Schaufensterkrankheit“ bekannten Erkrankung kommt es zu Schmerzen in den Beinen beim Gehen. Ältere Studien deuteten darauf hin, dass Ginkgo-Extrakt die schmerzfreie Gehstrecke leicht verlängern könnte. Neuere Analysen und Leitlinien sehen den Effekt jedoch als gering an, insbesondere im Vergleich zum Goldstandard, einem konsequenten Gehtraining.
- **Tinnitus und Schwindel:** Oft werden diese Symptome auf Durchblutungsstörungen im Innenohr zurückgeführt. Die Studienlage für Ginkgo bei Tinnitus ist enttäuschend. Die meisten hochwertigen Studien fanden keinen Unterschied zu Placebo, insbesondere bei chronischem Tinnitus. Bei akutem Tinnitus oder Schwindel unklarer Ursache ist eine rasche ärztliche Abklärung unerlässlich, um ernste Ursachen auszuschließen. Ein Selbstversuch mit Ginkgo wäre hier fahrlässig.
- **Raynaud-Syndrom:** Bei diesem Phänomen ziehen sich die Gefäße in Fingern und Zehen bei Kälte krampfartig zusammen. Es gibt einige wenige, sehr kleine Studien, die eine mögliche Besserung durch Ginkgo andeuten, aber die Beweiskraft ist zu schwach für eine allgemeine Empfehlung.
- **Allgemeine Durchblutungsförderung:** Das NCCIH stellt klar, dass die Daten die Anwendung von Ginkgo zur Vorbeugung von Herzerkrankungen oder zur Behandlung von Bluthochdruck nicht stützen. Ginkgo ersetzt keinesfalls Basismaßnahmen wie angemessene Bewegung, Rauchstopp, Blutdruckkontrolle oder ärztlich verordnete Medikamente. Bei Beschwerden wie schweren Beinen könnten andere pflanzliche Präparate wie Extrakt aus
Rosskastanie relevanter sein, deren Wirksamkeit bei chronisch-venöser Insuffizienz besser belegt ist.
> [!evidence-insufficient] Evidenzlage: unzureichend für ein allgemeines Versprechen
> Die Aussage „Fördert die Durchblutung“ ist zu vage, um die Datenlage korrekt zusammenzufassen. Die Ergebnisse hängen stark vom spezifischen Symptom, der zugrundeliegenden Diagnose, der verwendeten Zubereitung und dem Studiendesign ab. Keine seriöse medizinische Leitlinie empfiehlt Ginkgo als allgemeine Gefäßtherapie.
Ein neu aufgetretener Tinnitus, ein plötzlicher Hörverlust, eine Schwäche auf einer Körperseite, plötzliche Sprach- oder Sehstörungen sind medizinische Notfälle und erfordern eine sofortige ärztliche Abklärung. Ein Nahrungsergänzungsmittel darf diese Abklärung unter keinen Umständen verzögern.
## Wechselwirkungen und Blutungsrisiko
Dies ist der wichtigste Sicherheitsaspekt von Ginkgo biloba. Die Inhaltsstoffe, insbesondere die Ginkgolide, können die Blutgerinnung beeinflussen, indem sie den Plättchen-aktivierenden Faktor (PAF) hemmen. Dadurch kann sich das Blutungsrisiko erhöhen, vor allem in Kombination mit Medikamenten, die ebenfalls in die Gerinnung eingreifen.
Die Datenlage dazu ist auf den ersten Blick widersprüchlich: Einige pharmakologische Studien am Menschen fanden keine messbare Veränderung der Gerinnungswerte bei gleichzeitiger Gabe von Ginkgo und dem Gerinnungshemmer Warfarin. Andererseits zeigte eine große Beobachtungsstudie an US-Veteranen, dass die Kombination von Ginkgo und Warfarin mit einem signifikant höheren Risiko für Blutungsereignisse verbunden war (Hazard Ratio 1,38).
Diese Widersprüche sind kein Grund zur Entwarnung, sondern ein klares Signal für erhöhte Vorsicht. Eine fehlende Veränderung in einem Labortest schließt ein erhöhtes Risiko im komplexen Geschehen einer Blutung im Körper nicht aus. Daher gilt eine strikte Empfehlung: Holen Sie ärztlichen oder pharmazeutischen Rat ein, bevor Sie Ginkgo mit folgenden Medikamenten kombinieren:
- **Gerinnungshemmer (Antikoagulanzien):** Phenprocoumon (Marcumar®), Warfarin, Dabigatran (Pradaxa®), Rivaroxaban (Xarelto®), Apixaban (Eliquis®).
- **Thrombozytenaggregationshemmer:** Acetylsalicylsäure (Aspirin®, ASS), Clopidogrel (Plavix®), Prasugrel, Ticagrelor.
- **Nichtsteroidale Entzündungshemmer (NSAR):** Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen, insbesondere bei regelmäßiger oder hochdosierter Einnahme.
Informieren Sie Ihren Arzt oder Zahnarzt unbedingt vor geplanten Operationen, zahnärztlichen Eingriffen oder auch nur einer Zahnreinigung über die Einnahme von Ginkgo. Es wird in der Regel empfohlen, Ginkgo-Präparate mindestens eine, besser zwei Wochen vor einem Eingriff abzusetzen.
Darüber hinaus kann Ginkgo die Aktivität bestimmter Leberenzyme (Cytochrom-P450-System, z.B. CYP2C19, CYP2C9, CYP3A4) beeinflussen. Dies kann den Abbau anderer Medikamente beschleunigen oder verlangsamen und so deren Wirkung und Nebenwirkungen unvorhersehbar verändern. Dies betrifft potenziell viele Medikamente, darunter einige Antidepressiva, Antiepileptika (es gibt Berichte über eine verminderte Wirkung von Valproinsäure, was zu Krampfanfällen führen kann) und Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol. Die Komplexität dieser Wechselwirkungen unterstreicht die Notwendigkeit, die gesamte Medikationsliste mit einem Fachmann zu besprechen, ähnlich wie es auch bei anderen pflanzlichen Mitteln mit hohem Interaktionspotenzial wie dem
Johanniskraut der Fall ist.
> [!caution] Vor der Einnahme prüfen
> Lassen Sie sich zwingend ärztlich oder pharmazeutisch beraten, wenn Sie einen Gerinnungshemmer, Thrombozytenaggregationshemmer, einen Entzündungshemmer oder ein anderes Medikament mit enger therapeutischer Breite einnehmen oder wenn ein operativer oder zahnärztlicher Eingriff geplant ist. Holen Sie sofort medizinische Hilfe bei Anzeichen einer Blutung wie schwarzem Stuhl (Teerstuhl), blutigem Erbrechen, ungewöhnlich starken oder langen Blutungen, unerklärlichen großflächigen Blutergüssen, plötzlicher Schwäche, Schwindel oder ungewohnten, starken Kopfschmerzen.
## Schwangerschaft, Stillzeit und Nebenwirkungen
Da keine ausreichenden Sicherheitsdaten für diese sensiblen Phasen vorliegen, wird von der Einnahme von Ginkgo-Präparaten in der Schwangerschaft und Stillzeit generell abgeraten. Das NCCIH weist explizit darauf hin, dass Ginkgo in der Schwangerschaft theoretisch das Risiko für vorzeitige Wehen oder verstärkte Blutungen während der Geburt erhöhen könnte. Für die Stillzeit gibt es kaum Daten, daher sollte aus Vorsichtsgründen darauf verzichtet werden.
Bei Erwachsenen wurden standardisierte Blattextrakte in klinischen Studien über Zeiträume von bis zu mehreren Jahren meist gut vertragen. „Gut vertragen“ bedeutet jedoch nicht „frei von Risiken“. Die häufigsten Nebenwirkungen sind milder Natur und umfassen leichte Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen und Schwindel. Allergische Hautreaktionen sind ebenfalls möglich. Bei Produkten, die nicht ausreichend von Ginkgolsäuren gereinigt wurden, ist das Risiko für Nebenwirkungen höher.
Besondere Risikogruppen, die Ginkgo nur nach sorgfältiger ärztlicher Abwägung einnehmen sollten, sind Kinder und Jugendliche (keine ausreichenden Daten), Menschen mit bekannten Gerinnungsstörungen (z.B. Hämophilie) oder Epilepsie sowie Personen, die eine Vielzahl von Medikamenten einnehmen. Ein fortschreitender Gedächtnisverlust oder andere neurologische Symptome dürfen niemals auf eigene Faust mit einem Nahrungsergänzungsmittel „behandelt“ werden, da dies eine wichtige Diagnose verschleiern oder verzögern kann.
## Vor Kauf oder Beginn gut überlegen
Bevor Sie zu einem Ginkgo-Produkt greifen, sollten Sie einen schrittweisen, rationalen Ansatz verfolgen:
1. **Das Problem klären.** Was ist das genaue Symptom? Klären Sie Gedächtnisbeschwerden, Schwindel, Tinnitus oder schmerzende Beine immer zuerst ärztlich ab, besonders wenn die Symptome neu sind, sich verschlimmern oder Sie beunruhigen. Hinter Vergesslichkeit können Stress, Schlafentzug, Nährstoffmängel oder Depressionen stecken.
2. **Die Zubereitung prüfen.** Greifen Sie nicht zu irgendeinem Produkt. Suchen Sie gezielt nach einem standardisierten Trockenextrakt, idealerweise aus der Apotheke. Überprüfen Sie das Etikett auf Angaben zur Extraktmenge pro Dosis und zum Gehalt an Flavonoidglykosiden und Terpenlactonen. Misstrauen Sie Produkten, die nur „Ginkgo-Blatt-Pulver“ angeben.
3. **Alle Medikamente und Supplemente auflisten.** Erstellen Sie eine vollständige Liste aller Medikamente (verschreibungspflichtig und rezeptfrei, einschließlich Aspirin und Ibuprofen) und anderer Nahrungsergänzungsmittel, die Sie einnehmen. Besprechen Sie diese Liste mit Ihrem Arzt oder Apotheker, um mögliche Wechselwirkungen zu identifizieren.
4. **Den Zeitpunkt bedenken.** Steht eine Operation, eine größere Zahnbehandlung oder eine Darmspiegelung an? Sind Sie schwanger, planen eine Schwangerschaft oder stillen? In all diesen Phasen ist von einer Einnahme abzuraten oder sie muss mit dem Behandlungsteam genau abgestimmt werden.
5. **Ein messbares Ziel und einen Zeitrahmen festlegen.** Wenn Sie und Ihre Fachperson sich für einen Versuch entscheiden, definieren Sie ein klares, realistisches Ziel. Zum Beispiel: „Ich möchte sehen, ob sich meine kognitiven Testergebnisse in den nächsten 6 Monaten stabilisieren“ oder „Ich beobachte, ob meine schmerzfreie Gehstrecke zunimmt“. Bewerten Sie den Nutzen nach einem festgelegten Zeitraum (z.B. 3-6 Monate) neu. Setzen Sie die Einnahme nicht einfach unbegrenzt fort, wenn kein klarer Nutzen erkennbar ist.
Aus der Forschung lässt sich keine allgemeingültige „Ginkgo-Dosis“ ableiten. Die in Studien verwendeten Dosen (typischerweise 120-240 mg standardisierter Extrakt pro Tag, aufgeteilt auf zwei Dosen) beziehen sich auf ein spezifisches Produkt und eine spezifische Anwendung und können nicht einfach auf ein beliebiges anderes Produkt übertragen werden.
## FAQ
### Kann Ginkgo Alzheimer vorbeugen?
Nein. Die größte und hochwertigste Studie dazu (die GEM-Studie) mit über 3.000 älteren Menschen über einen Zeitraum von rund sechs Jahren zeigte keine Verringerung des Risikos für die Entwicklung von Demenz oder Alzheimer im Vergleich zu Placebo.
### Darf ich Ginkgo mit einem Gerinnungshemmer wie Marcumar oder Xarelto kombinieren?
Auf keinen Fall ohne ausdrückliche ärztliche Genehmigung und Überwachung. Das Blutungsrisiko ist eine ernstzunehmende und gut dokumentierte Gefahr. Die Kombination erfordert eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung durch einen Arzt, der sowohl Ihre Medikation als auch das genaue Ginkgo-Produkt kennt.
### Verbessert Ginkgo das Gedächtnis gesunder Menschen?
Die wissenschaftlichen Belege dafür sind schwach und widersprüchlich. Während Marketing-Versprechen oft auf eine allgemeine „Steigerung der Gehirnleistung“ abzielen, konnten Studien bei gesunden Erwachsenen keinen konsistenten oder klinisch relevanten Nutzen nachweisen. Schlaf, Bewegung und Stressabbau sind hier weitaus wirksamer.
### Welche Form von Ginkgo sollte ich wählen – Extrakt, Pulver oder Tee?
Die aussagekräftigsten Studienergebnisse beziehen sich ausschließlich auf hochkonzentrierte, standardisierte Trockenextrakte (wie EGb 761), die in einem pharmazeutischen Prozess hergestellt werden. Einfaches Blattpulver oder Tee enthalten eine viel geringere und stark schwankende Konzentration der relevanten Inhaltsstoffe und zudem potenziell schädliche Substanzen wie Ginkgolsäuren. Sie sind keine wirksame und sichere Alternative.
### Wie lange dauert es, bis Ginkgo wirkt?
Wenn Ginkgo überhaupt eine Wirkung zeigt (z.B. bei bestehender Demenz), ist dies kein schneller Prozess. In den relevanten klinischen Studien wurde die Wirkung über Zeiträume von 6 bis 12 Monaten untersucht. Man sollte keine sofortigen oder wundersamen Effekte erwarten. Die Einnahme erfordert Geduld und sollte ärztlich begleitet werden.
## Quellen
- NCCIH, Ginkgo: Usefulness and Safety (2024): https://www.nccih.nih.gov/health/ginkgo/index.html
- EMA, Assessment report on *Ginkgo biloba* L., folium (2014): https://www.ema.europa.eu/en/documents/herbal-report/final-assessment-report-ginkgo-biloba-l-folium_en.pdf
- Martínez-Sámano, J. et al., Ginkgo biloba for cognitive impairment and dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews (2023), Issue 5. Art. No.: CD003120. (Hinweis: Dies ist eine neuere Fassung des zitierten Reviews)
- DeKosky S.T. et al., Ginkgo biloba for prevention of dementia: a randomized controlled trial. JAMA (2008), PMID 19017911: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19017911/
- Stoddard G.J. et al., The Effect of an Extract of Ginkgo Biloba (EGb 761) on the Risk of Bleeding and theINR in Patients on Warfarin. J Clin Pharmacol (2016), PMID 26958257: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26958257/
- Riepe M.W. et al., Ginkgo biloba Extract EGb 761® in the Symptomatic Treatment of Patients with Mild Dementia: A Meta-Analysis of Clinical Trials. J Alzheimers Dis (2024), PMID 38642231: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38642231/
- ANSES, Compléments alimentaires à base de plantes : vers une meilleure information des consommateurs (2020, auf Französisch): https://www.anses.fr/fr/content/complements-alimentaires-base-de-plantes-vers-une-meilleure-information-des-consommateurs
> **Gesundheitshinweis:** Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Fachberatung. Fragen Sie vor jeder Einnahme von Ginkgo biloba Ihren Arzt oder Apotheker um Rat, insbesondere wenn Sie schwanger sind oder stillen, regelmäßig Medikamente einnehmen, an einer Gerinnungsstörung oder Epilepsie leiden oder wenn Sie ein neues neurologisches oder vaskuläres Symptom bei sich bemerken.